Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und eine „Vorstadt“- Christoph Ruckhäberle im Leipziger Bildermuseum

„… die Szenen werden mit großer Detailgenauigkeit und malerischer Sorgfalt ausgeführt.“

Mela Maresch im Katalog „Made in Leipzig,“ (Sammlung Essl) zu der Kunst von Christoph Ruckhäberle, S. 126)

Ich las diesen Satz und fiel vom Stuhl. Ich reaktivierte meine Erinnerungen an Bilder Ruckhäberles bei verschiedenen Ausstellungen und biss in den Teppich. Wie Rumpelstilzchen tobte ich an meinen Bücherregalen entlang und suchte Kataloge mit weiteren Beispielen seiner Kunst und endete dann hechelnd und mit grünlichem Atemausstoß vor Christoph Ruckhäberles „Vorstadt(Suburb)“ im Leipziger Bildermuseum.

Ich sehe links auf dieser Leinwand Architektur mit Turm, rechts Architektur ohne Turm, links Werbung und rechts eine rot dekorierte Eingangssituation mit Nachtbaratmosphäre. Außerdem Himmel, Wolken, Grünzeug, Fußwege, eine Straße fast bis zum Horizont, Strom-oder Telefonkabel und im Vordergrund drei Figuren.
Die wichtigen Kunstkritiker Sachsens verneigen sich vor diesem Bild und bieten als Interpretationsempfehlung die Kategorien Beziehungslosigkeit, Sprachlosigkeit, Einsamkeit und Resignation an, scheinbar grandios auf die Fläche gebannt. Und das nur, weil drei Blässlinge dumpf auf einer Straße vor sich hinöden.

Ich verneige mich nicht vor diesem Bild, ich kippe nach hinten und warte auf tröstende Worte. Es genügt eben nicht, drei vor sich hinödente, penetrant dilettantisch gemalte Blässlinge aufzureihen, um Menschenherden vor Bilder zu ziehen, die dann über den Sinn des Lebens debattieren. Denn auf jedem Dekor, in jeder Struktur des Bildes muss die angestrebte Aura wie Teer kleben. Farbliche Nuancen, Schattierungen, Abstufungen dürfen, dem Inhalt entsprechend, herbeigequetscht werden und sollen diese Pein ausspeien. Der Maler müsste die Figuren intellektuell und formal in zwingende Beziehungen setzen, zu den Flächen, zu allem Beiwerk und vor allem untereinander, um eben die Qual der Vereinsamung glaubhaft in das Format zu bannen. Doch das bedarf neben einer intellektuellen Bereitschaft auch ein handwerklich-malerisches Vermögen.
Anders als Mela Maresch sehe ich bei Ruckhäberle keine „malerische Sorgfalt“, aber eine Qualitätsaskese, welche ein sensibles, tolerantes, aber auch routiniertes Auge malträtiert.
Denn die Behandlung der großen Straßenfläche bei „Vorstadt“,die geometrische Aufteilung der Fußwege, die Flora über der Werbung, die Werbung selbst, die Farblappen in Horizontnähe und die Figuren als Gesamterscheinungen sind von einer fast lächerlichen Grobschlächtigkeit. Körper,die einst im Bild hausten, wurden in einer Manier übermalt, dass man getrost von einer Erniedrigung des zahlenden Publikums sprechen kann.Das schöne Wort „Betroffenheit“, inzwischen bis zum Brechreiz genutzt, kann bei den Bildern von Ruckhäberle geschont werden, man geht an „Vorstadt“ vorüber wie an einem Feuerlöscher.

Die im Zitat gerühmte Detailgenauigkeit ist zu einem Haltegriff mutiert, auf dem „Kunst“ steht und an dem sich der Betrachter festklammern soll, um nicht vor der künstlerischen Ärmlichkeit dieses Bildes abzustürzen. Der gebräuchliche Begründungsterror für diese qualitativen Untergrundaktionen beschränkt sich dann auf ein launig-saloppes „das hat der Künstler absichtlich so gemalt“. (Dazu mein Brief, den ich vor einem Jahr verteilte und in meinem Blog nochmals veröffentliche, unter „Neue Leipziger Schule-Kunstkritik in Leipzig”, 21.Oktober 2007.

Außerdem sehen die Gemälde Ruckhäberles aus, als hätte man bei den Bildern von Balthus die Luft rausgelassen.
Im gleiche Katalog schreibt Mela Maresch : „Die Wirkung des Alkohols wird bei Ruckhäberle offenbar durch das Auf-dem–Kopf-Stehen der Figuren verbildlicht.“ Na, klasse, wie spannend, was für eine Interpretationspräzision!

juergen-henne-leipzig@web.de

Oktober 30, 2007 - Posted by | Kunst, Leipzig

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