Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die „Neue Leipziger Schule“ – Kunstkritik in Leipzig

Ab 1. November wird das Torgauer Schloss von den Bildern der Leipziger Schule befreit, von der alten, der prä-alten und post-alten, der mittleren, der vormittleren, nachmittleren und der Neuen Leipziger Schule. Dreißig Wochen konnten Besucher für verwegene 7.50 Euro vor einer Kunst abknien, welche sich weitgehend im entspannten Mittelmaß erholt. Vor allem die fotografierten und gemalten Bilder der jüngeren Kameraden hatte man nach dem Rundgang auf dem Weg zur Bockwurstbude wieder vergessen.

Doch gerade vor diesen kalkulierten Oberflächlichkeiten von Weischer, Kobe, Ruckhäberle, Eitel u.a. durfte man nicht nur, man musste das Scharnier zwischen Ober-u. Unterschenkel demütig verbiegen. Denn nach der öffentliche Hysterie, nach der symbolischen Überführung dieser Künstler in die Walhalla deutscher Kultur hätten skeptischen Gesten sicherlich einen unbarmherzigen Jähzorn bei den Knienden erzeugt und der Skeptiker wäre vielleicht bei einer Party brünstiger Hechte am Grund der nahe fließenden Elbe filetiert worden.


Ich habe fünfzig Kulturrecken Leipzigs (Galeristen, Künstler, Kritiker, Werktätige im Musik-u. Literaturbereich) schriftlich meine Sorgen über den medialen Umgang mit der hiesigen Kunst, vorrangig der „Neuen Leipziger Schule“ mitgeteilt und würde sie hier gern wiederholen. Der Brief wurde auch in der Zeitschrift „Kunststoff“ 2 veröffentlicht.
——————————————————————————————————————–Leipziger Kunstkritik im Vorkoma

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Absichtsvoll verfehlte Perspektiven“ (über Matthias Weischer, Kreuzer, November 2005)  

„Unfertigkeit ist gewollt“ (über C.M.Göthner, Leipziger Volkszeitung, 24.3.2006)

„Perfektes wird schnell steril“ (Zitat C. Ruckhäberle zu seiner Abneigung gegenüber    Perfektion, Leipziger Volkszeitung, 25./26.2006)

„Der LVZ-Kunstpreisträger Matthias Weischer ist mit seinen Bildern auf der Biennale in Venedig vertreten – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Altmeister Francis Bacon und zum Goldenen-Löwen-Gewinner Thomas Schütte. Und man sieht, dass alle drei in der gleichen Liga spielen“ (Dr.Hans-Werner Schmidt über Matthias Weischer, Leipziger Volkszeitung, 27.10.2005)

Diese Auswahl wohlgesinnter, von Argwohn befreiter Kommentare und Zitate in der Leipziger Presse zu Ausstellungen Leipziger Künstler verdeutlicht den Status einer Kunstkritik, die Widerspruchsbereitschaft, sprachlichen Individualismus und fachliche Verantwortung durch den unbekömmlichen Gleichklang eines Schmeichlerchores ersetzt. Unzulänglichkeiten werden durch journalistische Maskeraden und leichfertig vergebene Huldigungen in die edle Kategorie „Künstlerische Kreativität“ eingeordnet. Oberflächliche Begutachtung, mögliche Inkompetenz und wissentlich manövrierende Ergebenheit zu unerquicklichen Mechanismen im kulturellen Alltag sind dabei nicht immer exakt zu trennen. Denn ein absichtlich vorgetragener Einsatz von Verzerrungen, Deformierungen, von Verzeichnungen und „verfehlten Perspektiven“, eine bewusst gewählte „Unfertigkeit“ und das eindeutige Bedürfnis, Perfektion auszuschließen, unterscheiden sich augenfällig von einer Kunst, die intellektuelle Schwerfälligkeit und handwerklichen Mangel als mutwillig geformten Entwurf einer künstlerischen Strategie rechtfertigen muss. Zumindest ich bin fähig, diese Unterschiede zu erkennen. Denn wenn qualitative Entgleisungen und gestalterische Defizite als „absichtsvoll“ gezündete Wunderkerzen von wegweisender Leuchtkraft gepriesen werden, erhält Kunstkritik das Image hochgradiger Entbehrlichkeit. Die schwungvolle, konfliktbereinigte Sicht von Kritikern und „Kulturfunktionären“ auf die bildende Kunst, aber auch auf die literarische Szene Leipzigs, leistet einen gewichtigen Beitrag bei der Rückführung künstlerischer Ansprüche auf eine qualitative Ebene, welche das zweifelsfrei vorhandene Potenzial in Leipzig erniedrigt. Im Sog der „Neuen Leipziger Schule“ beginnt sich in unserer Region eine Mittelmäßigkeit zu etablieren, die als Hochkultur gefeiert wird, perspektivisch aber nur zu nationaler und internationaler Bedeutungslosigkeit führen kann. (Neo Rauch und eine Reihe anderer, hochwertig arbeitender Künstler, möchte ich dabei betont ausschließen.) Die Beliebigkeit kunstkritischer Wertungen, kalkulierte Belobigungsrituale und die Phobie des Kritikers vor der eigenen Courage, mäßig gelungene Kunst auch als „mäßig gelungen“ zu benennen, knebeln das Qualitätsempfinden des sehenden und lesenden Publikums und haben auch die Urteilskraft mancher Galeristen, Sammler und Museumsdirektoren verwässert.

Wenn Kunst-und Literaturkritiker im wahrsten Sinn kritisch, unabhängig und mit individuellen „Duftnoten“ angereichert auch kultivierte Kollisionen nicht mehr scheuen, sich einer Unterwürfigkeit gegenüber manipulierten Trends verweigern, kann wieder eine aufregende, helfende und vor allem notwendige Streitkultur entstehen. Leipziger Medien setzen andere Wertigkeiten und bieten für diesen Anspruch keine Grundlage an. Ich werde deshalb in überschaubarer Zukunft eine Internetpräsenz auf meinen Namen einrichten.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen Henne, Kunstwissenschaftler, 1988-2003 freier Kunstkritiker bei der LVZ

juergen-henne-leipzig@web.de

Oktober 21, 2007 - Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig |

1 Kommentar »

  1. mein lieber jürgen henne,

    mitleid, das ist alles, was mich befällt, lese ich deine armseeligen, gehalt- und sinnleeren zeilen.
    unreflektierte missgunst und neid schreien aus dir heraus. was hast du denn schlimmes erlebt du armer? hat dir jemand die freundin ausgespannt, hattest du je eine?
    naja, ist ja auch egal. liest ja eh niemand.
    noch einen tipp für künftige kunstkritiken: recherchen zahlen sich aus. eigene befindlichkeiten interessieren niemanden. auf das fachliche kommt es an. dann kann man es auch krachen lassen.
    gute nacht du arme wurst.

    e.e.

    Kommentar von ernst erpel | Oktober 31, 2007 | Antworten


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