Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Wassili Wereschtschagin

Hier mein angekündigter Text über Wereschtschagin. Nicht ganz neu, aber aktuell und vor allem hochwertig. Denn er ist von mir.

…“Nur die Gräfin hat einen Zug um den Mund, der mich reizen könnte.“„Du hast sie gesehen?“ „Ja, in der Wereschtschaginausstellung. Sie lächelte sehr richtig über die Schädelpyramide dieses törrichten Gruselmachenwollers.“

Ein promovierter Vielredner lobte in Otto Julius Bierbaums Roman „Prinz Kuckuck“ von 1907/08 die vermeintliche, scheinbar mit mimischer Souveränität vorgetragene Beurteilungskompetenz einer Ausstellungsbesucherin bei der optischen Wahrnehmung eines Bildes des russischen Künstlers Wassili Wereschtschagin. Abgesehen davon, daß der „Gruselmachenwollers“ nicht gerade als Beitrag zu einer sprachästhetischen Lustorgie gewürdigt werden kann, häuften sich zeitgenössische Urteile, deren Verfasser die „törrichte“ Grundhaltung Wereschtschagins nicht unterstreichen wollten. Adolph Menzel, nicht nur eine Fußnote in der Kunstgeschichte des 19.Jahrhunderts, registrierte die künstlerischen Qualitäten des Russen mit einem salopp-euphorischen „Der kann alles“. Und Ilja Repin zementierte seine Wertschätzung in den Wortbombast: „Wereschtschagin ist eine überwältigende Persönlichkeit. Er ist ein wahrer Recke.“

Doch zunächst mußte der potentielle Recke, geboren 1842 als Sohn eines alten russischen Adelgeschlechts im Gouvernement Nowgorod, die Pein an Kadettenschulen für Kinder und Halberwachsene erdulden. Er haderte ausgiebig mit den rüden Umgangsformen an diesen Bildungsstätten und überdachte mißtrauisch die Perspektiven einer militärischen Laufbahn. Bald quittierte er den Dienst, ging an die Petersburger Kunstakademie und studierte bei Gerome an der Pariser „Ecole des beaux arts“. Der Klassizismus seiner Lehrer ließ ihn schaudern, lehnte ihre Forderung ab, im Louvre Gipsköpfe zu malen und warf sein Werkzeug in die Seine. Dabei wird er sich bis an sein Lebensende nie von den Regeln eines akademisch geschulten Handwerks lösen können.

Kontinuierlich suchte Wereschtschagin den Clinch mit seinen Widersachern aus kirchlichen, militärischen und kulturpolitischen Bereichen. So räsonierte er, zunehmend unbeherrscht, über die kulturellen Zustände in Rußland und dachte geräuschvoll über die Fragwürdigkeit militärischer Auszeichnungen und akademischer Ehrungen an Kunstschulen nach. Die Rüge des Wiener Erzbischoffs wegen einer Ausstellung mit radikal naturalistisch gemalten Jesus-Bildern ließ die Gotteshäuser der Donau-Stadt beben und militärische Würdenträger verloren ihre stramme Haltung bei der Ahnung von Erniedrigungen der russischen Armee in der Kunst Wereschtschagins. Dabei waren es auch diese Bilder des Krieges, von unbarmherzigen Schlachten und deren Folgen, die bei Ausstellungen in zahlreichen Kunstzentren in Europa und Amerika nicht selten zu kollektiver Euphorie bei Besuchern und Kritikern führte. Denn nach seiner Begleitung des Generals Kauffmann am russischen Feldzug gegen das Emirat Buchara im heutigen Usbekistan (1867/68) und nach der Teilnahme am russisch-türkischen Krieg (1877/78) malte Wereschtschagin Bilderzyklen, die sich der aktuell gängigen Schlachtenmalerei widersetzten. Er thronte nicht vor seiner Staffelei, um Figuren zu einem Puzzle von effektvoller Theatralik zusammenzusetzen, beobachtete Kriege nicht vom sicheren Podest, sondern blieb inmitten des Blutgeruchs stechender, hackender, röchelnder und sterbender Soldaten. Bei der Verteidigung von Samarkand verblüffte er die Mitkämpfer neben seiner zeichnerischen Brillanz auch mit soldatischen Sonderleistungen, die sofort mit einem Orden gewürdigt worden (Ob er die Auszeichnung ablehnte, wird im dürftigen Angebot von Literatur über den Künstler unterschiedlich beschrieben). Das künstlerische Ergebnis dieser Aktionen sind dann auch keine Bilder mit heroischen und spektakulären Kriegspanoramen, mit pompösen Ritualen ruhmgefärbter Generäle und deren markig kämpfendem Fußvolk. Wereschtschagin zelebrierte keine pathostriefende Kulissenkunst. Anders als Anton von Werner, der zur gleichen Zeit in Deutschland die kriegerischen Abläufe als Kostümfeste auf die Fläche aufträgt, entgeht Wereschtschagin durch seinen radikalen Realismus der Gefahr romantisch ästhetisierender Entgleisungen. Die akribische Schilderung des Sterbens eines Wachpostens am frostigen Schipka-Paß während des russisch-türkischen Krieges, die schmerzhafte Lautlosigkeit über Leichenfeldern und die apathisch sich abspulenden Handlungen bei dem Transport von Verwundeten zerstören die Aura von geschichtsträchtigem, unanfechtbarem Heldentum. Als sein einflußreichstes Bild muß die „Apotheose des Krieges“ bewertet werden. Mit dieser Pyramide aus Todenschädeln in ausgedörrter Landschaft zog Wereschtschagin ein Zwischenfazit als „Kriegsberichterstatter“ an vorderster Front. Es wäre jetzt möglich, ikonographische Bezüge zu Todesdarstellungen herzustellen, die besonders im 15.Jahrhundert im Zeichen von Krisensituationen, von existentiellen Nöten wie Seuchen und Hunger, aber auch im barocken Umfeld weite Verbreitung fanden („memento mori“) Auch die Besinnung auf die Golgatha-Thematik („Schädelstätte“) als letzte Station des Passionsweges Christi kann nicht ausgeschlossen werden. Doch ist es eher wahrscheinlich, daß Wereschtschagin seine eigenen Erlebnisse in den Höllen des Krieges verarbeitete. Denn asiatische Herrscher pflegten es gelegentlich, ihre Triumphe in dieser gewöhnungsbedürftigen Form anzupreisen. Wereschtschagin wird diesem Brauchtum sicherlich begegnet sein. Doch sollte man bei möglichen Bildinterpretationen vermeiden, diese düsteren Riten in chronologisch und territorial begrenzte Zusammenhänge einzuordnen. Denn er fügte dem Titel noch eine erläuternde Beigabe hinzu: „Allen großen Eroberern der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gewidmet.“

Trotz dieser antimilitaristischen Gesinnung irritiert nicht selten in den Bildern eine unterkühlte Distanz, eine dokumentarische Genauigkeit, die zwar pedantisch Details und Abläufe enthüllt, den kriegerischen Vorgängen aber scheinbar nur künstlerisches Interesse entgegenbringt. Seine Verdrossenheit, ein russisches Schiff ohne kriegerische Konfrontationen verlassen zu müssen und seine drängenden Forderungen nach Hinrichtungen, um sie zeichnend festhalten zu können, widerspiegeln dieses ambivalente Verhältnis zu Kriegen.

Wereschtschagin bereiste Syrien, Palästina und Indien, begeisterte den deutschen Darwin-Fanatiker Ernst Haeckel auf dessen Schiff durch seine „angenehme Unterhaltungsgabe“ und gönnte sich gemeinsam mit seiner Frau eine krafttechnisch bemerkenswerte Himalajabesteigung. Dort wurde er halberfroren gerettet und als russischer Spion verdächtigt. Bei diesen privaten Ausflügen in fremde Kulturen, aber auch während seiner kriegerischen Grenzüberschreitungen entwickelte Wereschtschagin eine Zuneigung zu Themen, die im Zarenreich des 19.Jahrhunderts bislang nur wenig Beachtung fanden. Bettler in Samarkand, Darstellungen beratender und betender Derwische, der kirgisische Falkner u.a. ermöglichten Aufnahme und Verbreitung ethnologischer Themen in der russischen Kunst, vorrangig des asiatischen Raumes. Dabei überwindet er nicht selten seinen emotionalen Abstand, verweigert sich einer starr-naturalistischen Beschreibung. Hässliche, ironische und skurrile Akzente, aber auch Bestürzung und Anteilnahme verfeinern hier seine Kunst. Opiumesser im Dämmerzustand, jämmerliche Gestalten vor einer Moschee und Selbstverstümmler bei einer Prozession im südlichen Kaukasus werden bis zur grotesken Verzerrung gezeichnet, doch ohne Erniedrigung und Verhöhnung.

Seit 1869 bewarben sich zahlreiche Museen und ähnliche Einrichtungen um Ausstellungen mit der Kunst Wereschtschagins. In Wien, St.Petersburg und Paris, in Berlin, Stockholm und Amsterdam kulminierten diese Ereignisse zu Massenveranstaltungen (täglich bis zu 6000 Besucher). Er schmückte den Londoner Crystalpalast mit seinen Arbeiten und verschickte Bilder über den Ozean nach New York, Boston und Chigako. Nebenbei reiste er nach Kuba, Japan, auf die Phillipinen und kultivierte seine Kontakte zu den „Wanderern“ um Repin, zu Menzel, Zola, Turgenjew und Tretjakow, der seine Bilder sammelte. Er ünterstützte Alfred Dreyfus durch seinen Beitrag und reagierte unwirsch auf die schleppende Weiterführung einer Monographie, die über ihn begonnen wurde. Und Wereschtschagin verzichtete weitgehend auf die Signatur seiner Bilder, getragen durch ein grandioses Selbstbewußtsein und der Sicherheit, seine Bilder erkenne ohnehin jedermann.

Zusammengefasst kein spannungsloses Leben, das aber nach 62 Jahre in feuchter Umgebung rasant endete.Denn am 13.April 1904 versank Wereschtschagin während des russisch-japanischen Krieges an Bord des Schlachtschiffes „Petropawlowsk“ vor der chinesischen Halbinsel Liaodong im Gelben Meer. Natürlich zeichnend, wie Augenzeugen versichterten. Schon im Jahre 1900 erschien als 47.Band der legendären Knackfußmonographien eine kunstwissenschaftliche Würdigung Wereschtschagins. Obwohl ihm zu Lebzeiten nicht nur Huldigungen, doch immer eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit gegönnt wurde, wird man heute seinen Namen nur mit viel Glück als Füllmasse im Rahmenprogramm kunsthistorischer Betrachtungen registrieren können.

Wereschtschagin hat maltechnisch keine neuen Felder bestellt. Er beharrte energisch auf seinen akademisch vorgefertigten Stil, obwohl russische Landsleute wie Repin sich z.B. impressionistischen Einflüssen nicht verweigerten. Wenige Monate nach seinem Tod formierten sich im „Pariser Herbstsalon“ die Giganten der „Fauves“ um Matisse, Braques, Dufy und Derain, während fast gleichzeitig die Dresdner „Brücke“ mit Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff die deutsche Kunst in ein neues Zeitalter überführte. Und dennoch sollte Wereschtschagin im heutigen Europa als wichtige Figur der Kulturgeschichte Russlands in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts stärker wahrgenommen werden. Sein Bedürfnis, fremde Kulturen, Religionen, Sitten und Bräuche künstlerisch zu vermitteln und um Verständnis zu werben, beeindruckt durch eine bestechende Aktualität. Mit der „Aphotheose des Krieges“ gab er 1872 eine Vorahnung von symbolistischer Kunst, die dann einige Jahre später als Gegenpol zu Rationalität, Vernunft und Durchschaubarkeit größten Einfluß in der europäischen Kultur ausüben konnte. Er bagatellisierte Kriege nicht als amüsante Bühnenshows mit präzis organisierter Regie und entwickelte Ausdrucksformen, die dann im Verismus eines Dix und Gross zur Vollendung geführt worden. Also vielleicht doch keine kunsthistorische Nebenfigur.

Am Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurde in verschiedenen Kreisen erwogen, neben klaren Favoriten wie Henri Dunant und Bertha von Suttner auch Wereschtschagin in die Riege möglicher Friedensnobelpreisträger aufzunehmen. Der Gründer des Roten Kreuzes und die Verfasserin von „Die Waffen nieder!“ erhielten ihn umgehend. Wereschtschagin zog in den Krieg und ertrank. Vielleicht hätte er den Preis gar nicht angenommen.

juergen-henne-leipzig@web.de

Oktober 16, 2007 - Posted by | Kunst, Neben Leipzig |

3 Kommentare »

  1. Hat der Verfasser regelmäßig seine Tabletten genommen? Wahrscheinlich nicht, sonst würden 0,001% der Bevölkerung seine Wortspiele auch verstehen.

    Kommentar von huettner | Oktober 28, 2007 | Antworten

  2. Ich finde den Artikel sehr interessant und unterhaltsam; hab‘ ihn auch ohne Tabletten verstanden.

    Kommentar von Dorpzicht | Oktober 29, 2007 | Antworten

  3. Ein anspruchsvoller, verständlicher, interessanter und lesenswerter Text,eine differenzierte Annäherung an Weraschtschagin.

    Kommentar von Heinz Ferbert | Oktober 29, 2007 | Antworten


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