Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Geschichten, die das Radio sendet, gedruckte Steine, das Röcheln der Steindruckerin, Heinos Bambi, Strawinskis Psalmen, Sofia Gubaidulina, Wagenknecht und Gottschalk, Holzfällen im Mendelssohnsaal und ein schreiender Hirsch in der Michaeliskirche

Geschichten, die das Radio sendet.

Pierre Soulages, Lithographie

Gestern im Deutschlandfunk.
Eine Sendung über aussterbende Berufe. Bäcker, Fleischer, usw. wurden angeführt. Eine Anruferin meldete sich als Steindruckerin, sprach von ihrer Misere, von nur noch einem Dutzend ähnlicher Einrichtungen in Europa.
Die Gesprächsleiterin fragte dann: “Und Sie drucken also Steine”. Ein kurzes Röcheln der Steindruckerin, dann: “Nein, wir drucken mit (von) Steinen!”
Ein kleiner Lapsus, kann ja passieren.
Doch dann kämpfte die “Grafik-Expertin” vom Hörfunk um Haltung, um eine Korrektur dieser Ungeschicklichkeit und um den Anschein, zumindest mit Halbwissen imponieren zu können.

Sie fragte: “Das müssen dann aber ganz besondere Steine sein.”
Antwort der Steindruckerin: “Ja,ja, das sind besondere Steine.”

Frage: “Die Steine müssen ja auch aus ganz besonderem Material sein.”
Antwort: “Ja,ja, die Steine sind aus ganz besonderem Material…..” u.s.w.

Danach verweigerten meine Ohren eine weitere Aufnahme.

Ich stutzte etwas über dieses europäische Dutzend. Doch Mitte der fünfziger Jahre wurde der Beruf des Steindruckers (Lithographie) von der Liste gewerblicher Ausbildung getilgt.
Doch an jeder Kunstschule gibt es ja mehr oder weniger tiefschürfende Instruktionen in die grafischen Künste, einschließlich Lithographie.
Deshalb meine kurzzeitige Irritation.

Kulturtipps für Zeitgenossen im Leipziger Umfeld, die nur mäßig interessiert, dass Heino seinen Bambi zurückgab (Titel der Bildzeitung).

Michaeliskirche. Leipzig-Gohlis, Beginn des vergangenen Jahrhunderts.
Ein durchaus gelungenes Konglomerat aus siebenhundert Jahren Kunstgeschichte.

Morgen, 13.11., Michaeliskirche Leipzig, 17 Uhr.
Konzert mit der Friedenskantorei u. Orchester unter Veit-Stephan Buding.

Programm:

Mendelssohn-Bartholdi: 42.Psalm “Wie der Hirsch schreit.”
Strawinski: “Psalmensinfonie.”
Kodaly: “Psalmus Hungaricus.”

Ordentliches Programm. “Wie der Hirsch schreit” kenne ich aber nicht. Doch jetzt will ich endlich hören, wie der Hirsch schreit.
Jedenfalls keine Konzertliste mit Bach, Beethoven und Schubert oder Beethoven, Bach und Händel oder Mendelssohn, Brahms und Schumann oder Bach, Liszt und Händel oder Brahms, Liszt und Schubert oder Mendelssohn, Beethoven und Brahms oder Haydn, Bach und Beethoven oder Liszt, Haydn und Händel. Bei vorzüglicher Laune des Programmgestalters wird dann noch ein Stück Bruckners oder Mahlers eingeschoben.

Sofia Gubaidulina

Vor wenigen Tagen hatte Sofia Gubaidulina ihren 80. Geburtstag erreicht. Dafür interessierte sich keine Sau.
Hauptsache, man muss sich diesjährig vor lauter Liszt-Euphorie und entsprechender Konzerte dröhnend übergeben.
Das klingt dann wie die sinfonischen Dichtungen von Liszt.

Zumal Sofia Gubaidulina seit vielen Jahren in Deutschland wohnt, nicht in Norilsk oder auf einem verrottetem Schiff am Strand des Baikalsees. Die Aufmerksamkeit hätte also nur kurze Wege zurücklegen müssen.

Wenn aber z.B. James Last oder Achim Mentzel ihre Daseinsjubiläen feiern, sind sicher die Medienbuden wieder gut gefüllt.
Es ist ein Jammer.

Ein weiterer Kulturtipp für Zeitgenossen, die es nur mäßig interessiert, ob sich Sarah Wagenknecht als Nachfolger Gottschalks besser eignet als der Ururenkel von Rasputin oder Franz Beckenbauer.

Konzert “musica nova”, Leipziger Gewandhaus, Mendelssohn-Saal. 23.Novemmber,20 Uhr

Musik von Anton Webern, Morton Feldman und Gerhard Lampersberg mit dem Leipziger Ensemble Avantgarde. Friedhelm Eberle liest dazu Passagen aus Thomas Bernhards “Holzfällen.”

Die Musik von Lampersberg ist mir nicht recht geläufig. Er agierte jedenfalls als Antreiber der Wiener Avantgarde und hatte auch für Thomas Bernhard eine erhöhte Bedeutung.
Diese Verbindung mutierte dann zu einer ziemlich radikal ausgelebten Feindschaft und ich habe Lampersberg erstmalig durch Bernhards “Holzfällen” zur Kenntnis genommen, bei einem “künstlerischen Abendessen”, während dessen Lampersberg als Auersberger durch Bernhards Sarkasmus zerteilt wird.

Ich hatte mir eine Gesamtausgabe von “Holzfällen” käuflich erworben. Sieben Cd´s, Südwestfunk, 1994.
Diese Scheiben verlassen nie die erste Reihe auf meinen CD-Aufbewahrungsbrettern.

Thomas Bernhard. Sicherlich nicht immer der zuverlässige Garant für überbordende Symphatiebezeugungen.

November 13, 2011 Geschrieben von | Leipzig, Literatur, Musik, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Bernd-Lutz Lange, das Leben ist ein Purzelbaum, die Heiterkeit des Seins, die Rache des Barbiers, die Rückkehr der Schwimmer, unappetitliche Anbiederung, Philosophie-Folklore, Eichhörnchen-Massage, Gebrauchsanweisungen als Folterinstrument, erste Masturbationsversuche mit überragender Geisteskraft, Scheißpurzelbäume und Quetzalcoatl

“Das Leben ist ein Purzelbaum – Von der Heiterkeit des Seins”.
Titel des neuen Buches von Bernd-Lutz Lange.

JH grübelt mit wichtiger Gestik über “Das Leben ist ein Purzelbaum – Von der Heiterkeit des Seins”
Unweit von NewYork

Sicherlich sollte man Literatur für den eigenen Verbrauch nicht immer nach den Buchtiteln auswählen.
Das wäre einfältig.
Doch wenn ich Einladungen wie “Die Rache des Barbiers”, “Der Schatten der Elfenbeinkrone” oder “Im Labyrinth des Nebelkönigs” auf Einbänden lese, tönen zumindest verhalten die Glocken des Argwohns.
Diese Grundmuster zeitgenössischer Romantitel sind mir gerade in den Sinn gekommen und ich weiß nicht, ob sie so tatsächlich in wörtlicher Form angeboten werden, aber sicherlich in unendlichen Varianten.

JH grübelt weiter, unweit von Myra

Dagegen großartige, fast lakonische Titel von Veröffentlichungen Leipziger Schriftsteller der vergangenen Jahre ( Thomas Kunst und Thomas Böhme), gefüllt mit einem tiefen, wertvollen Gespür für sprachliche Irritationen, welche die Lust am Lesen anspornen.

“Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd”

“Sonntage ohne Unterschrift”

“Besorg noch für das Segel die Chaussee”

“Rückkehr der Schwimmer”

Die Bereitschaft, sich der deutschen Sprache zu ergeben und sie hochwertig zu verarbeiten, wird hier emsig angetrieben
Und auch ich kann meine Erregung und meine Gier nicht verhehlen, mich durch diese Bände zu blättern.

Ein Titel muss sich natürlich nicht gleich mit weltliterarischer Qualität aufdrängen. Doch etwas Mühe sollte man sich schon geben.
Aber eine derartige Übelkeit wie bei “Das Leben ist ein Purzelbaum – Über die Heiterkeit des Seins” von Bernd-Lutz Lange habe ich bei der Kenntnisnahme eines Buches selten empfunden.
“Das Leben ist ein Purzelbaum” – ich muss es ständig wiederholen. Meine masochistischen Neben-Gene zelebrieren gerade ihre Existenz.
Das sind ja nun abgrundtiefe Ebenen von unappetitlicher Anbiederung. Und diese dümmliche Volkstümlichkeit, diese Philosophie-Folklore bei “Die Heiterkeit des Seins” kulminieren regelrecht zur Körperverletzung, denn alle Menschen dieser Welt haben ähnlichen Tinnef schon siebenundvierzigmillionenmal gelesen, gehört, gesehen.
Aber Lange ficht das nicht an.
Doch ehe ich “Das Leben ist ein Purzelbaum – von der Heiterkeit des Seins”…..iggittegitt, fröstel, spei….zur Hand nehme, flaniere ich eher in die Fachabteilung der Zeitschriften für Eichhörnchenmassage oder kommuniziere mit einer Fachkraft über die neue Ausgabe mit Berichten von der Haltbarkeit linksgestreckter Hosenbügel während des sübolivianischen Spätwinters.


Die Grübelei hört nimmer auf. JH irgendwo in Finnland

Mich interessiert die Art des Humors, wie ihn Lange betreibt und auf der Bühne abquasselt, ohnehin beachtenswert mäßig.
Diese penetrante “Sächselei”,diese erbarmunglose Schlichtheit “volksnaher” Mätzchen sind mir zuwider.

Außerdem musste ich vor einiger Zeit Bernd-Lutz Langes geschriebenes Folterinstrument “Gebrauchsanweisungen für Leipzig” quer lesen. Ich las es sehr quer. Meine Augen drohten mir bei einer nochmaligen Verfehlung dieser Art mit Grünem Star.
Ich hielt es bis dahin nicht für möglich, mit welch einer zuverlässigen Kontinuität man Seite für Seite mit ungenießbaren Floskeln, Banalitäten und Klischees zu füllen vermag.
Lange, Bernd-Lutz vermag es.

Jetzt werden wieder markige Gegenpositionen von sparsamer Kompetenz entwickelt, mit dem Grundtenor, dass keine Vergleiche möglich sind. Hier “ernste” Titel, dort “unernste” Titel, “das ist doch was ganz anderes.”
Sicher, sicher. Es gibt “ernste” und “unernste” Inhalte und deren lyrische, epische, dramatische Bearbeitungen.
Doch sind absolute Sprachästhetik, Ernsthaftigkeit und Vermögen, Texten einen Sockel zu geben, unbedingt vergleichbar.Warum muss man “unernste” Bücher unbedingt mit bekloppten Titeln dekorieren.
Ein derartiges Blech wie “Von der Heiterkeit des Seins” habe ich mir vierzehnjährig während meiner ersten Masturbationsversuche abgesudelt und fand dadurch gleichermaßen meine Mannes-u.Geisteskraft unwiderstehlich.

“Die Rückkehr der Schwimmer”, vier Worte und man fühlt sich unwohl, diese Worte klammern sich an alle Körperdrähte und der furchtsame, aber auch lustvolle Prozess von Vorstellungen, Phatasie und rationalen Vergleichen beginnt.

Rückkehr der Radfahrer, der Angler, der Krieger, der Urlauber, der Feldarbeiter, der Olympia-Teilnehmer, der Jäger, der Preiselbeerenpflücker…..alles in Ordnung, aber der Schwimmer…..
Grandioser Einfall.

Und dann kommt Bernd-Lutz Lange mit “Das Leben ist ein Purzelbaum – Von der Heiterkeit des Seins.”

Scheißpurzelbaum, Scheißheiterkeit des Seins, da grüble ich doch lieber über Quetzalcoatl, Chac Mool, Kukulkan, über Tolteken und Maya.

Chichen Itza, Yukatan, JH mittig

September 5, 2011 Geschrieben von | Leipzig, Literatur, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Bertold Brecht, Max Frisch, Jürgens Kaukasischer Kreidekreis, mit Homo Faber in intellektuelle Randkulturen, globale Schludrigkeiten, Masur in einer sozialistischen Spätverkaufstelle, Feuerwerksmusik für August, Joe im Summer in the City, Irritationen im Bettradio und verhöhnt mir mein Bauhaus nicht


Max Frisch und Bertold Brecht

Im Grunde ist diese kleine Auffälligkeit kaum geeignet,die Tastatur zu aktivieren, recht unerheblich, aber auch skurril und etwas symptomatisch.
Meine Kenntnisse der slowenischen Sprache sind ja nun doch eher lückenhaft. Ein Hinweis, dass ich kein Wort verstehe, wäre noch etwas präziser formuliert
Doch sind mir die äußeren Erscheinungsbilder von Max Frisch und Bert Brecht durchaus gegenwärtig.
Über den Kaukasischen Kreidekreis schrieb ich in meinen späten Jugendjahren, also kurz nach der Schlacht auf dem Lechfeld, eine größere Arbeit und Stiller, Gantenbein, Homo Faber musste man lesen, um zu unheilvollen DDR-Zeiten in intellektuelle Randkulturen aufgenommen zu werden.

Nun erschienen in Slowenien die Tagebücher von Max Frisch 1966-1971, eine Lizens des Suhrkamp Verlages und mich deucht, auf dem Buchumschlag Bertold Brecht wahrzunehmen.

Sicherlich werden die Schweizer Literaturhistoriker deshalb nicht zornig am Käse verröcheln, ist es doch eigentlich nur ein Beispiel dieser globalen Schludrigkeiten, welche inzwischen gemeinschaftlich ignoriert und bei jüngeren Semestern als revolutionär, unangepasst, gegen den Strom schwimmend und cool zelebriert werden.
Mir erscheint es etwas dürftig und die intellektuelle Leistung ist doch recht bescheiden.
Bei dem Brecht-Frisch-Tausch vermute ich aber eher ein Versehen.
Ich weiß natürlich, daß beide sich häufig trafen und Frisch seine Erinnerungen an Brecht schriftlich fixierte, die 1966 erstmalig erschienen,30-seitig.
Und auch in dieses Tagebuch wurde scheinbar der Text aufgenommen.
Doch deshalb musste man doch nicht geschwind Hauptakteur Frisch an repräsentativer Stelle durch den Statisten Brecht ersetzen (zumindest nicht bei dieser Veröffentlichung).

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Nach dem Konzert Robert Plants am Grab Brechts auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof

Ein Bildnis Kurt Masurs wäre dann als Dekoration für meine Tagebücher eine angemessene Lösung. Denn Mitte der achtziger Jahre führte ich spät am Abend mit Ihm in der damaligen Spätverkaufsstelle am Leipziger Hauptbahnhof einen kleinen Dialog über Richard Strauss. Sicherlich hatte er sich nur gelangweilt. Denn die Warteschlange erreichte, wie damals üblich, beängstigende Dimensionen (Er erwarb Kaffee).

Oder Genscher als Buchschmuck für meine gewichtigen Notizen. Denn ich stützte ihn aufopfernd für wenige Sekunden, als er 1989/90 vor dem jetzigen Bundesverwaltungsgericht in Leipzig zu einer Veranstaltung preschte und etwas strauchelte.

Wie gesagt, im Grunde nicht der Rede wert.

Doch weil ich vor wenigen Tagen im Hörfunk zur Kenntnis nehmen musste, dass Händel seine Feuerwerksmusik für ein Event August des Starken schrieb (Georg II), das Original des Titels “Summer in the City” dem Arm-Wipper Joe Cocker in die Kehle gelegt wurde (Lovin`Spoonful),keimen bei mir doch inzwischen erhebliche Irritationen.
Es gibt Bereiche, da ist mein Wissen unermesslich, mitunter auch überflüssig.
Und ein Besitzer dieser Kenntnise leidet dann natürlich besonders heftig.
Ich wollte den vergangenen Abend mit eingen Minuten der “Langen Nacht” im Deutschlandfunk ausklingen lassen und aktivierte gegen 0.10 Uhr mein Bettradio, Thema war Belgien. Nach etwa 10-15 Minuten wurde die Sendung unterbrochen, mit dem Hinweis, dass man versehentlich nochmals das Band von 23-0 Uhr eingelegt hatte.
Absolut verzeihlich, doch diese Abläufe häufen sich.

Im Zusammenhang mit einer Ausstellung im Berliner Gropiusbau laberte der Kritiker eines Radiosenders ohnehin fünf Minuten nur dummes Zeug und wählte Walter Gropius als Architekten für dieses Haus, welches aber Martin Gropius zusammenfügte (u.a.). Martin agierte als irgendein Onkel von Walter.
Scheinbar angetrieben durch seine “Fundamentalkenntnisse” sülzte er gleich noch sein Achtelwissen über das Bauhaus durch den Äther und trieb Martin Gropius in die Position des Bauhaus-Gründers.
In mir entfaltete sich eine Quelle möglicher Empörung.
Wie gesagt, es häuft sich.
Vielleicht gibt es aber auch triftige Gründe, die Tagebücher Frischs (1966/71) an herausragender Stelle mit dem Bildnis Brechts zu illustrieren.
Und ich bin einfach nur zu blöd, die Zusammenhänge zu erfassen

Brecht

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Brecht

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Und jetzt Max Frisch

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Max Frisch

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August 21, 2011 Geschrieben von | Leipzig, Literatur, Neben Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne leidet an der Verlotterung der Presse und dümmliche Kunsterziehung, einfältige Schenkelklopfer, Mario Barth, Gustav Adolf Schur, Heinz Florian Oertel, Lippert, kapitalistische Dekadenz, prähistorische Sülze, Rentnernostalgie und Schnatterinchen umschlingt Millionen

Als eine bevorzugte Beschäftigung pflege ich die Nörgelei an Verlotterung und Banalisierung der Presse.

“In der LVZ-Autorenarena wird herzlich gelacht – aber auch zum Denken angeregt” (Unter der Überschrift, etwas undeutlich)

Verstehe ich nicht.
In Teilen der Lesung wurde also herzlich gelacht und nicht nachgedacht, sozusagen nur saublöd und mit einfältigen Bewegungsabläufen vor sich hingekreischt. Während anderer Abschnitte sah man dann nur tiefschürfende Gedankenmimik. Wer seine Lachmuskeln aktiviert, dem träfe ein Buch aufs Maul.

….”zum Denken angeregt”….”was will der Künstler uns damit sagen”… – grauenvolle Erinnerungen an die Klischee-Didaktik einer weitgehend dümmlichen DDR-Kunsterziehung.

Wissen Sie, Frau Insa van den Berg (Verfasserin des Artikels), weshalb mich Frauen u.a. so begehren?
Weil ich bei Humor nachdenke, auch bei meiner eigenen Produktion und innerhalb bedeutsamer Denkprozesse, mehrmals täglich, auch gelegentlich “herzlich” lache.
Und bei anspruchsvollen Frauen rangiert intelligenter Humor als erstrangiges Auswahlkriterium bei der Partnerwahl.

Aber Zeitgenossen, bei den das Humorverständnis in den Witzchen Mario Barths und des Schmalrippchens aus Marzahn aufgebraucht ist, müssen natürlich Humor und gedankliche Leistungen trennen.

Und es lasen u.a. Heinz Florian Oertel, Wolfgang Lippert, Otto Mellies, Peter Ensikat, später dann scheinbar Gustav Adolf Schur und Gojko Mitic – diese ganze alte prähistorische Sülze aus DDR-Zeiten ist entsetzlich, diese lächerlich Anbiederung der Zeitung an Rentnernostalgie.
Die sportlichen Leistungen Schurs sind natürlich unbestritten, doch herzlich lachen kann ich sicher nur über seine DDR-Volkskammerreden. Und auch heute fungiert er nicht gerade als Garant für anspruchsvolle Beiträge.
Auch Oertels Kompetenz im sportlichem Fach ist verbürgt. Doch soll ich mir nochmal das Gequarke um “Waldemar” anhören. Oder die Fernsehbeiträge dieses hartnäckig dogmatischen Einpeitschers zu Dick Fosbury und Dave Wottle, die er sicher gern bis zur Tür einer psychiatrischen Anstalt begleitet hätte. Fosbury kreierte den neuen Hochsprungstil mit dem Rücken zur Latte und Wottle lief die Mittelstrecken mit Golferkappe und bemerkenswert schlurfend.
Für Oertel Symptome kapitalistischer Dekadenz.
Doch beide wurden Olympiasieger.
Oder soll ich mich in Lipperts Lebenserinnerungen vertiefen, Katalysator für den Eintritt in lähmende Apathie, akustisch dekoriert durch dieses unsägliche “Erna kommt”.
Da höre ich doch noch lieber Ludwigs Ode an die Freude, gesungen von Schnatterinchen und lache herzlich.

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März 21, 2011 Geschrieben von | Leipzig, Literatur, Presse | 1 Kommentar

Jürgen Henne, Richard Strauss und Salome, surrealistischer Quark, Beardsley, Alex Ross, Musik des 20.Jahrhunderts und ein knapp verpasster Pulitzer-Preis

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Meine nächtliche Lieblings-Bettlektüre für die nächste Tage

Ich tendiere ja mit erhöhter Anmaßung zu dem Glauben, die Musik des 20. Jahrhunderts recht sorgfältig überschauen und beurteilen zu können.
Dennoch erwarb ich jetzt den Band “The Rest Is Noise” des New Yorker Musikkritikers Alex Ross, von meiner Wochenzeitschrift “Die Zeit” weitgehend geschmäht, sonst euphorisch begrüßt und für den Pulitzer-Preis nominiert, allerdings ohne krönendes Ergebnis.
Ich werde diesen siebenhundert Seiten in den nächsten Tagen den Status “Lieblings-Bettlektüre” verleihen.
Das Buch beginnt mit einer kleinen Geschichte um “Salome” von Richard Strauss, Uraufführung im Dezember 1905 in der Dresdner Hofoper, sechs Monate später in Graz aufgeführt. In die Steiermark reisten damals für dieses Ereignis u.a. Puccini, der bei “Turandot” immerhin die neuen Lichter erahnt hatte, außerdem natürlich Mahler mit Alma, Schönberg, von Zemlinsky, Alban Berg, die Witwe von Johann Strauß (Sohn)……..
Warum wurde ich nicht siebzig Jahre früher geboren? Ich glaube, ich hätte mich an diesem Abend wohlgefühlt.
Vielleicht aber auch nicht, zumindest nicht in der Erinnerung. Denn man vermutet, dass der siebzehnjährige Hitler durch seine Anwesenheit diese einmalige Oper erniedrigte.
Aber ich werde dennoch nicht von “Salome” lassen, auch nicht von “Elektra”, nicht von “Ariadne auf Naxos” und der “Frau ohne Schatten”, musikalische Wunderwerke von Strauss aus den ersten zwanzig Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Aubrey Beardsley. Illustration zu Oscar Wildes “Salome”

Beardsley war einer der Giganten meiner pubertären Zeit. Das hat sich natürlich alles etwas relativiert.

Ähnlich wie meine Skepsis um die Kunst von Dali, Delvaux, Magritte, Tanguy und den anderen surrealistischen Quark. Diese etwas kalkulierte, gezirkelte und “abgehobene” Arglist.

Max Ernst möchte ich betont von meiner momentanen Distanz zu dieser Kunst ausschließen.
Auch der eher ungegenständlich werkelnde Teil dieses Vereins bereitet mir noch heute ein gerüttelt Maß an Freude (Arp, Miro, Matta, Masson,Gorky)

Anders die “Wiener Schule des Phantastischen Realismus” mit ihren egozentrischen Gelärme (Hausner, Fuchs). Für mich nur noch schwer zu ertragen. Vor vierzig Jahren ein Orgasmus-Katalysator.

Doch Beardsleys Blätter sind natürlich immer noch ein ästhetischer Genuss.

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juergen-henne-leipzig@web.de

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August 4, 2010 Geschrieben von | Kunst, Leipzig, Literatur, Musik | Hinterlasse einen Kommentar

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