Jürgen Henne und das technische Denkmal – Teil I
Hundisburg – Arbeitsprozesse – Alte Zeichnung an einer alten Wand in der Alten Ziegelei
Hundisburg – Ziegelei – Ofen
Hundisburg, nicht die Ziegelei,aber der französische Garten des Barockschlosses
Jürgen Henne (rechts unten) und das Schaufelrad bei Gerbisdorf
Die belgischen Schiffshebewerke des Canals du Centre, die Mühlen im niederländischen Kinderdijk, das Palmenhaus in Lednice (Süd-Mähren) oder die österreichische Semmeringbahn – hebende, rotierende, warme und fahrende Einrichtungen zur Erleichterung der menschlichen Lebensplanung und von der UNESCO zum Welterbe gekürt, in der Kategorie „Technisches Denkmal“.
Aber auch innerhalb der deutschen Grenzen kann man z.B. durch stillgelegte Industrieanlagen flanieren, angetrieben von diesem seltsamen Reiz eines Blickes aus hochtechnisierten Labyrinthen auf archaische Abläufe, die weitgehend manuell bewältigt wurden. Dieser Schauder, der dunkle Genuss an Träumen, in denen man unversehrt durch die klaustrophobische Enge und den Schmutz der frühen Erz-und Kohlegewinnung waten darf. Der sanfte Exhibitionismus bei dem Besuch alter Eisenhütten, Brikettfabriken oder Ziegeleien, der gellende Lärm, die lähmende Dunkelheit. Aber auch ein Mythos könnte sich aufbauen, eine Sehnsucht sich entfalten nach Überschaubarkeit, nach den „ehrlichen“ Ergebnissen von „der Hände Arbeit“, als der Mann noch mit schweißiger Brust im Kohlenflöz kämpfte oder das Eisen dem Gestein entriss. Allerdings nicht selten durch einen brüllenden Auswurf blutiger Lungenpartikel unterbrochen.
Die Verklärung für derartige Industriearchitekturen mündet dann in sprachlichen Beleidigungen wie „Kathedralen der Arbeit“. Ein kitschig-monströser Neologismus, der dann allerdings meinen Brechreiz aktiviert (ähnlich der Kasperlesprache um „Boxenluder“, „Eisprinzessin“, „Zickenalarm“, nur weitaus beängstigender und ideologisch unterlegt).
Als Zeitgenosse, dessen technisches Verständnis auf dem Status des Pantoffeltierchens vor sich hinkümmert, lasse ich mich dennoch von der Faszination industrieller Edelkreationen tragen. Neben historischem Interesse genieße ich die Ästhetik der Arbeit als Gesamtorganismus, aber auch die Zusammenhänge und Abhängigkeiten technischer Details. So erfräsen, erdrehen oder erbohren sich z.B. Maschinen der Metallverarbeitung für mich ein hohes Potential an Schönheit. Das Zusammenspiel von Spindeln, Wellen, Riemen, Zahnrädern, Kugellagern, die Schwingungen, Rotationen, Bewegungen und Gegenbewegungen erzeugen Momente optischer und akustischer Wonnen. Jean Tinguely hat sicherlich ähnlich geschwelgt. Für Maschinen der Textilherstellung empfinde ich eine ähnliche Dankbarkeit. Das Chemnitzer Industriemuseum bietet für diese Bedürfnisse vorzügliche Unterhaltung.
Die Zeche und Kokerei Zollverein in Essen und die Völklinger Hütte im Saarland sind Beispiele grandioser Industriedenkmäler innerhalb der deutschen Grenzen. Man kann natürlich die Kreise noch enger ziehen und fährt nach Domsdorf zu „Louise“, Europas älteste Brikettfabrik (Landkreis Elbe/Elster in Brandenburg). Großartige Architektur und allerelei stampfende, rotierende, treibende und ächzende Uralt-Technik.Oder zum Hüttenwerk nach Peitz, gleichfalls Brandenburg. Der Frohnauer Hammer in Annaberg ist ohnehin Kult und Ferropolis bei Gräfenhainichen und das Schaufelrad von Gerbisdorf haben Godzillas Nachfahren gebastelt (Bild oben). Ziegeleien gibt es in Pegau (Zutritt nur nach Absprache) und in Hundisburg.
juergen-henne-leipzig@web.de
Noch keine Kommentare.
Kommentieren
-
Archive
- Dezember 2009 (3)
- November 2009 (6)
- Oktober 2009 (6)
- September 2009 (3)
- August 2009 (8)
- Juli 2009 (4)
- Juni 2009 (4)
- Mai 2009 (3)
- April 2009 (4)
- März 2009 (4)
- Februar 2009 (5)
- Januar 2009 (4)
-
Kategorien
-
RSS
RSS der Einträge
Kommentarfeed



