Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Gero Künzel in der Leipziger Galerie Schwind

Wenn Max Uhlig aus Dresden seine Strichorgien feiert, Linien aussichtslos verknotet erscheinen und des Besuchers Auge sich fast schon der Resignation ergibt, formt sich aus diesem Tohuwabohu von Zuckungen und Verstrickungen die mimische Einmaligkeit eines Gesichts. Und dieses Antlitz erweist sich aber nicht als eine hingeworfene Chaos-Grimasse, als ein Zufallsergebnis. Das Gesicht Strawinskys oder die asketischen Hautfurchen des Kunsthistorikers Fritz Löfflers sind dann  z.B. in ihrer Physiognomie von fast erschreckender Eindeutigkeit.

Auch bei den Porträts Gero Künzels ist man zunächst erstaunt über den etwas rabiaten Umgang mit der Farbe. Anders als bei Uhlig, in dessen Bildern grafische Strukturen dominieren, mischt Künzel mit heißer Lust die Farben und treibt, spachtelt, presst sie über und in die Fläche. Gleich gehärtetem Morast bilden sich Anhäufungen, durchdringen sich Wülste, erhält die Substanz Farbe eine eigene, bildbeeinflussende materielle Wirkung. Und  auch auf diesen Leinwänden entstehen keine beliebig zusammengeschlierte Gelegenheitsfratzen.

Künzel pinselt kein triefendes Tränchen hier und ein Gramfältchen dort, um mit naturalistischer Banalität die eindeutige Physiognomie eines Gesichts zu beschreiben. Er drückt jeden dekorativen Unrat, jedes Detail mit vordergründigem Blendpotenzial in die Abfalltonne für künstlerische Überflüssigkeiten und preist eine malerische Askese, die ohne kläglich-entbehrliche Bluffs menschliche Naturells widergibt.

So malt er ein Bildnis von „Lydia“ und verschweigt nicht deren Scham-Attacken. Die trotzig-aggressiven Grundtendenzen im Gesicht Annas reiben sich augenfällig mit einem Porträt von melancholisch-depressiver Veranlagung und dem Abbild einer zur Farbe gewordenen Resignation (Tilmann,Roland).

Arbeiten von hohem handwerklichen Vermögen, von emotionaler Hinwendung  und intellektueller Toleranz.

Künzels „Landschaften“, zu Serien von 15, 25 oder 30 Bildern geordnet, beglücken zunächst durch eine Wirkung, welche im Sog der alltäglichen, oft lächerlich-überflüssigen Interpretations-Gier weitgehend ignoriert wird. Die Bilder beglücken einfach durch ihre farbliche Schönheit, durch die Mannigfaltigkeit der Strukturen und anderer gemalter Feinheiten. Der ästhetische Genuss als Einstieg in Kunstwerke.

Doch dann dringt der Blick tiefer und man hetzt durch die oft nur angedeutete Architektur, durch menschenleere Räume und zerstörte Perspektiven. Schiefe Ebenen und Zertrümmerungen, die Unfertigkeit und Anonymität menschlicher Baupanik vermitteln nicht gerade ein entspanntes Verhältnis zwischen Natur und Zivilisation. Oft scheint der Übergang zwischen Wachstum und Verfall fließend. Oft kann auch die Funktionalität der Gebäude nicht zweifelsfrei geklärt werden. Diese architektonischen Mischwesen, Bürohaus, Tankstelle oder Skilift, Bedürfnisanstalt oder Privathaus, verstärken den Eindruck der Fragwürdigkeit fortschrittseuphorischer Hemmungslosigkeit und einer orgiastisch ausgelebten Egomanie.

Bilder, die passiv prüfende Blicke auf Entgleisungen, in welchen Bereichen auch immer, zu fordernden Aktionen erhöhen könnten.

Galerie Schwind  /  Springerstraße 5   /   04105 Leipzig    /   Tel. 0341 253 9880

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April 26, 2008 - Verfasst von juergenhennekunstkritik | Kunst, Leipzig | | Noch keine Kommentare

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