Jürgen Henne, “Ein russischer Sommer” mit Tolstoi, die Zwielichtigkeit radikal vorgetragener Menschenliebe und Dostojewski, Turgenjew, Tschechow und die Pein, vor einer Leinwand zu sitzen
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Wohlgelaunter Tolstoi
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Lew Tolstoi war nie “mein” schreibender Russe des 19. Jahrhunderts. Diese religiös unterfütterten und moralisierenden Gutmensch-Allüren erschienen mir immer suspekt und etwas zwielichtig.
Meine Titanen der russischen Sprache gruppierten sich da eher um Dostojewski, Turgenjew und Tschechow.
Auch die Tolstojaner mit ihrem Fanatismus, ihrer ewig-vegetarischen Moosfresserei und der unerträglich starren Bereitstellung christlicher Dogmen haben mich schwer genervt.
Jeder soll natürlich seinen Lebensentwurf zelebrieren. Wenn dann aber missioniert und die eigene Lehre als heilige und einzige Wahrheit gepriesen wird, der Menschheitsrest wäre dann Unrat, reagiere ich auffällig eklig. Kinski käme dagegen bei den Dreharbeiten von Fitzcarraldo oder seinen Bibellesungen wie ein sanfter Zeitgenosse daher.
Deshalb hoffte ich, dass mich der Film “Ein russischer Sommer” etwas versöhnen könnte, doch wurde ich selten so einfältig von der Leinwand drangsaliert.
Ich war bereit, mein Wissen zu erweitern, einzudringen in die russische Welt am Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch ein derartiges Nullprogramm für meine intellektuelle Unruhe wurde mir nur selten geboten.
Nicht ein Mindestmaß ernthafter Vorschläge für das Verständnis philosophischer und politischer Dimensionen, literarische Aspekte wurden im Grunde völlig ausgeklammert. Tolstoi war aber ein Schriftsteller, kein Kaninchenzüchter.
Die gesamte Anlage des Films stagniert auf Ebenen von Familienkitsch, Schlagworte wie Freiheit und Gewaltlosigkeit werden da in den Raum gelispelt, doch ohne substanzielle Fundamentlegung.
Tolstojaner bei affiger Gymnastik, eine cholerische Gräfin Tolstoi, der weitgehend gütige Lew, der Sekretär mit seinen ständig feuchten Augen der Ergebenheit und das Klischee des bösartig-schleimigen Tschertkow, dessen eindimensionale Darstellung fast sträflich erscheint, heben diesen Streifen recht locker über die Grenze zur Lächerlichkeit.
Auch die Bildsprache ist weitgehend klischee-tropfend und so alt wie das Leipziger Rosenthal (Grammofon im russischen Garten, in dem Fall mit Puccini auf der Platte). Diese albernen Abläufe kulminieren dann, als zahlreiche Bäuerlein mit ärmlichem Habitus auf dem Bahnhof den Tod Tolstois bekreischen.
Doch dann waren 112 Minuten Film bewältigt und ich suchte das Weite.
Helen Mirren und Christopher Plummer spielen ordentlich, doch nicht überragend und sie können denn Film nicht retten. Die Oscar-Nominierungen kann ich nicht nachvollziehen.
Wandernder Tolstoi mit Sekretär
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Den besten Eindruck machen die vereinzelten Einstellungen vom russischen Birkenwald. Natürlich auch ein Klischee, aber immerhin schön.
Vielleicht lese ich jetzt eine Erzählung Tolstois, die Romane sind mir einfach zu lang.
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Jürgen Henne, “Nord” von Rune Denstad Langlo, Aki Kaurismäki und ein wundervoller Inzest
Hauptdarsteller Anders Baasmo Christiansen als Jomar Henriksen
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Sicher wird Rune Denstad Langlo umfassend David Lynchs “The Straight Story” zur Kenntnis genommen haben. Auch die Filme Aki Kaurismäkis, Bent Hamers und Jarmuschs dürften Ihm nicht gerade abstoßen.
Und natürlich wird “Nord” unsere Welt nicht in ein Zeitalter cineastischer Wundertüten überführen.
“Nord” bleibt aber ein Film, bei dem man auch nach dem Kinobesuch nicht die Lücke in seiner Geldbörse bedauert.
Langlos Streifen verstört nicht, er wirft den Zuschauer nicht als fleischiges Vakuum mit dem lautlosen Urschrei eines depressiven Nervenbündels auf die Straße, um sich sofort mit existenziellen Hauptkategorien zu quälen.
Es dominiert eher ein gemäßigt-optimistischer Ton, dekoriert mit grotesken Abläufen und Situationen, ohne aber zu hysterischen Heiterkeitsorgien genötigt zu werden.
Der Weg Jomars (A.B.Christiansen) in den Norden Norwegens, wo ihm ein vierjähriger Sohn erwarten könnte und die Begegnung mit Landsleuten, die parallel zu des Nordpols Nähe immer skurriler agieren, unterstützen ihn, seine eigene Lebensdürftigkeit zu analysieren. Ein kleines Nummernprogramm bizarrer Einfälle wird abgespult. Etwas tiefschürfendere Erweiterungen hätte man sich schon gewünscht, doch achtundsiebzig Filmminuten sind dazu nicht geeignet.
Ein junger Mann mit großem Traktor, mit einem bemerkenswerten Saufkult (von einem Polen gelernt!) und dem Willen, keine “Schwulenfrucht” Ananas in seinem Haus zu dulden, ein älterer Herr, der nur mit einem “Ja”-”Ja”-”Ja” nervt und der Samengreis dann ganz oben und sein wundervoll gelungener Inzest versöhnen zumindest zum Teil mit der Gewissheit, keiner Sternstunde ausufernder Originalität beigewohnt zu haben.
Der alte Same bei der finalen Selbstentsorgung
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Langlo zelebriert eine wirkungsvolle Sprachaskese, philosophisches Dauergeschwätz, wie es sich bei diesem Film anböte, wird durch suggestive Bilder ersetzt. Karge Dialoge in einer Landschaft, die den Menschen auch nicht gerade mit der Atmosphäre des Elysiums empfängt.
Eine mehrwöchige Tour durch Norwegen hat meine Zuneigung zu diesem Land ohnehin erheblich gestählt. Leider wurden keine Stabkirchen ins Bild gerückt, diese ansehnlichen Beiträge zur europäischen Architektur gibt es nur südlicher.
Überhaupt wird die Landschaft als gleichwertiger Bedeutungsträger eingesetzt, welcher neben der Würdigung von Schönheit auch psychisch-seelische Zustandsformen der Bewohner bzw. Durchreisenden abbildet.
Landschaft mit Jomar und brennender Hütte
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Jomar mit Traktorist und Zeugnissen obskurer Sauf-Rituale auf den Köpfen
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Natürlich steht ein Regisseur wie Aki Kaurismäki gerade noch in Sichtweite vor Langlo. Schon bei der kurzfristigen Erinnerung an “Das Mädchen aus der Streichholzfabrik” bilden sich auf meinem ansehnlichen Körper markante Gänsehautpickel der Begeisterung.
Aber dennoch erwarte ich freudig und aufgeschlossen den nächsten Film von Rune Denstad Langlo
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Jürgen Henne, Manfred Martin, d.Ä., Rainer Eppelmann, eine Ausstellung in Panitzsch und die täglichen Abläufe bei einer Leipziger Zeitung
Mein Artikel in der Leipziger Volkszeitung zu einer Ausstellung von Manfred Martin d.Ä., 19. März 1997. Natürlich mit penetranten Änderungen zum Original durch die Redaktion und mit deren hilflosen Versuchen, journalistisch-sprachliche Fähigkeiten nachzuweisen.
Sehr seltsam, dass gerade Zeitgenossen dieser üppigen Hybris unterliegen, welche überfordert sind, die Schlagerlyrik Marianne Rosenbergs von der Sprache Trakls oder Georg Heyms zu unterscheiden. (Etwas vergrößert ist der Text sicherlich lesbar)
Der abgebildete Holzschnitt wurde 1950 begonnen und 1992 nochmals bearbeitet.
Ein zweiter Text vom 16. März 2000 zum 70. Geburtstag Manfred Martins aktiviert auch heute noch meine cholerische Erbmasse, denn ich erkannte ihn als veröffentlichen Zeitungsbeitrag nicht wieder. Gisela Hoyer, damals Kulturchefin dieses Blättchens, begründete die einfältige Abholzung meiner brillant verknüpften Gedankenkette mit einem heiteren: “Das verstehen unsere Leser nicht”. Diese Anmaßung, die eigene Armseligkeit auf die gesamte Leserschaft zu erweitern, erscheint mir beträchtlich. Meine drei weiteren Beiträge über Manfred Martin erreichten gar nicht erst die Druckerei, trotz der gewohnten Souveränität.
Um diese Redaktion zu überfordern, bedurfte es nur minimaler Ansprüche, wobei die gegenwärtige Entwicklung keine wesentliche Alternative anbietet.
Also zwei Artikel über Manfred Martin innerhalb von zwei Jahrzehnten. Michael Triegel oder Fischer-Art, deren Bilder sich als zeigenössische Folterinstrumente mit zuverlässigem Wirkungspotential etabliert haben, erhalten diese Aufmerksamkeitsquote pro Woche.
Heute wird in Panitzsch, b. Leipzig eine kleine Ausstellung mit Arbeiten Martins eröffnet. Es spricht Rainer Eppelmann, der als Pfarrer schon während der 80er Jahre Bilder von Manfred Martin in der Berliner Samariterkirche ausstellte.
Und jetzt beginnt diese Leipziger Volks-Gazette zu reagieren. Sie höhnt: “Manfred Martin ist doch nicht vergessen”, dass er zu “den zu Unrecht vergessenen Künstlern Leipzigs gehört”…..(Na, was denn nun, Ihr Pfeifen!)….. und bedauert dessen Stellung als ständiger Geheimtipp (LVZ, 30/31. Januar). Doch selbst dieser Artikel, im Grunde in die Rubrik “Was sonst noch passierte” eingeordnet, kann mit der Inkompetenz, Schludrigkeit und Lustlosigkeit des Verfassers nur erzürnen.
Wegen eines kleinen gesundheitlichen Zwischenfalls muss ich diese Eröffnung meiden. Doch hoffentlich wird Eppelmann darüber informiert, dass auch die “Leipziger Volkszeitung” ein gerüttelt Maß dazu beigetragen hat, dass Manfred Martin vor und nach der Wende ein Künstler an der Peripherie der Leipziger Kulturszene geblieben ist.
Wobei derartige Abläufe täglicher Standart dieses Blattes sind. Ich denke dabei mit Missmut an den kontinuierlich betriebenen Rauswurf der Galerie Beck aus Leipzig und an die Beendigung von “Klangrausch” (s.a. Text v.1.Juli 2009 i.diesem Blog)
Panitzsch ist nun nicht gerade das Zentrum des mitteldeutschen Galeriewesens und die Ausstellung wird wenig Beachtung erhalten. Vielleicht entschließt sich ein Galerist in Leipzig zu einem angemessenen Überblick, zum 80. Geburtstag von Manfred Martin am 16. März.
Heute, 31. Januar, 16.Uhr, Ausstellungseröffnung Manfred Martin d.Ä.
Kunstverein Panitzsch e. V., Hauptstraße 10.
Einführung: Rainer Eppelmann
Musik: Reiko Brockelt, Universitätsbigband Leipzig
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Ölbilder und Holzschnitte von Manfred Martin
Frühes Porträt
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Vereinigung, 1993
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Harlekin I, 1989
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Harlekin II, 1989
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Frühes Porträt
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Gekreuzigter I, 1989
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Jürgen Henne, gestern in Chemnitz , Rosa Schapire und Karl Schmidt-Rottluff
Die Hallenser Kunstsammlungen in der Moritzburg wurden mit der herausragenden Kollektion Hermann Gerlinger bereichert. Chemnitz erhielt die Sammlung Gunzenhauser und einen Edelkoffer mit dreihundert gedruckten, gezeichneten und aquarellierten Blättern Feiningers. Kleineren Orten wie Apolda, Jena, Altenburg gelingen vortreffliche Ausstellungen. (ua. O.Mueller, Moholy-Nagy, Feininger, Kirkeby, Lüpertz, Macke, Amiet). Alles Ereignisse im erweiterten Leipziger Umfeld.
Und dann gibt es noch das Bildermuseum in Leipzig mit der Ausstellung “60/40/20 Kunst in Leipzig seit 1949″ (mit einem saumäßigen Katalog, s.a. Text v. 15.11.2009) und einer Retrospektive der Kunst Tübkes im vergangenem Jahr. Unglaublich aufregend. Und als Höhepunkt des vergangenen Jahrzehnts gilt sicher immer noch die Übersicht mit Fundstücken aus der etwas infantilen Sammlung von Gunter Sachs. Ich denke, Hans-Werner Schmidt, Direktor des Museums, wird nicht so recht ernst genommen.
Karl Schmidt-Rottluff, Bildnis Dr. Rosa Schapire, 1919
Bis 21. Februar in Chemnitz, Auswahl aus der Sammlung Rosa
Schapire
Rosa Schapire, als polnische Jüdin 1874 in Galizien geboren, 1893 Übersiedlung nach Hamburg, 1901-1904 Studium der Kunstgeschichte Bern, Heidelberg, Leipzig.
1906 (!) Sie kritisiert positiv eine Ausstellung Emil Noldes. 1907 passives Mitglied der Dresdner “Brücke”, Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit Schmidt-Rottluff.
Innerhalb der Ausstellung “Entartete Kunst” (1937) hing auch ein Porträt Rosa Schapires von Schmidt-Rottluff.
1939 Ausreisegenehmigung nach England. Ihr gelingt es, einen großen Teil ihrer Sammlung Schmidt-Rottluff auf die Insel mitzunehmen.
Sie stirbt 1954 in der Londoner Tate Gallery, kein schlechter Ort für eine finale Verbleichung.
Die Bilder wurden nach ihrem Tod auf zahlreiche Museen verteilt. In Chemnitz gibt es Expressionismus u.a. aus London, Kopenhagen, Berlin, Stuttgart, Oldenburg.
Aby Warburg beschrieb Rosa Schapire als “eigenartig grün….dieses Rosenknöpfchen auf Tintenfüßchen.” Und vor allem hatte sie ein solides Verständnis für hochwertige Kunst. Holzschnitte, Zeichnungen und Ölbilder Schmitt-Rottluffs präsentieren sich in dieser Ausstellung in einer Qualität, die das gesamte Spektrum und den hohem Anspruch expressionistischer Ästhetik fugenlos abspiegelt.
Hier gibt es keine Füllmasse, die bejubelt werden muss, nur weil ein großer Künstlername neben dem Bild angeheftet ist. Hier kann man sich erfreuen, ohne vom schlechten Gewissen malträtiert zu werden.
Daneben wird expressionistischer Schmuck gezeigt, Postkarten, Eigentumsverzeichnisse für ihre Emigration und ein Bild von Walter Gramatte, gleichfalls von erlesener Qualität (unten)
Ingrid Mössinger, Chefin der Chemnitzer Kunstsammlungen, hat die Entwicklung dieser Stadt zu einem kulturellen Edelzentrum in ihrem gnadenlos offenen Visier. Ich lernte sie erstmalig vor einigen Jahren in Leipzig kennen, als wir gemeinsam in der Jury einer Kunstausstellung agierten. Meine anfänglichen Bedenken sind inzwischen derartig radikal verkümmert, wodurch ich eine gesamte Tagesproduktion eines Hut-Herstellers käuflich erwerben möchte, um vor ihr einen Kopfschmuck nach dem anderen zu ziehen. Wie sie die Chemnitzer Kunstszene bearbeitet, ist bemerkenswert.
Und natürlich fällt dann mein Blick sofort wieder auf meine Heimatstadt.
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Karl Schmidt-Rottluff, Frau mit Handtasche, 1915 (Ausschnitt)
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Walter Gramatte, Porträt Rosa Schapire, 1920 (Ausschnitt)
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Jürgen Henne, Musik um 1969 und Captain Beefheart
Eine CD – meine Wiederentdeckung im Januar
Marvin Gaye aus Washington schickte 1969 “I Heard It Trough the Grapevine” um die Erde, ein meisterhafter Song, den vorher schon Gladys Knigth intonierte und der später CCR zu einem treibenden, Transpiration anregenden Nebenhit verhalf.
Im gleichen Jahr kreischten sich Sly & the Family Stone wundervoll über die Meridiane, die Temptation spielten sich zuverlässig in Hochform und Flock ihr bestes Album ein, Velvet Underground mit Lou Reed gönnte sich “Velvet Underground”, ohne John Cale aber immerhin mit “Walk On The Wild Side” und die göttlichen Blood, Sweat & Tears erklommen zurecht die höchsten Ruhmesgipfel.
Alles frohe Botschaften aus dem Morgenland, um 1969. Bei Blood, Sweat & Tears heute nicht mehr so recht nachvollziehbar. Denn die öffentliche Ignoranz ist seit Jahrzehnten gegenüber dieser Musik derartig aggressiv, als hätte diese Formation nie existiert.
Und auch Chicago entschloss sich zu einer beachtlichen Musik ( “25 Or 6 to 4″), bevor sie in deren Niederungen verkümmerte (“If You Leave Me Now”)
Aus England tönte 1969 Led Zeppelin und brachte mich mit “Whole Lotta Love” an den Rand eines euphorischen Fenstersturzes. David Bowie begann mit “Space Oddity” den Reigen seiner beachtlichen Musikkultur, Colosseum boten 1969 ihre erste Scheibe an, noch ohne Chris Farlowe, Jethro Tull beglückte mich mit “Sweet Dream” und Soft Machine produzierten ihr hochwertiges “Volume Two”.
Blind Faith mit Eric Clapton (Yardbirds,Cream), Steve Winwood (Traffic, Spencer Davis Croup – “Keep on Running” und “Gimme Some Lovin’ ” ) veblüfften durch die Schönheit ihrer etwas schrägen Musik und Humble Pie rasteten aus und gelten bis heute als herausragende Live-Gruppe – Mit Peter Frampton, früher bei Herd, Greg Ridley, früher bei Spooky Tooth und den göttlichen Steve Marriott von den Small Faces, der 1991 im Umkreis seiner unausgelöschten Zigarette verbrannte. Bei Chris Farlowes Konzerten gehört Marriotts “All Or Nothing” zu einem stabilen Programmpunkt. Ich bin nicht gerade der zuverlässige Konzert – “Mitgröler”, doch wenn Marriott, Farlowe und Henne zusammentreffen, darf gegrölt werden.
Auch in Deutschland gab es 1969 Musik, Ostdeutschland erwähne ich nicht, dann falle ich sofort ins Koma. Aber auch aus bundesrepublikanischen Radios und Schallplattenspielern klangen leckere Noten. Es dominierten Karel Gott…schauder…..James Last….Entsetzen…..Roy Black……Grauen……Heintje……Plumps, ich liege mit schauderndem Entsetzen auf dem Boden.
Ausnahmslos Nr.1 in der deutschen LP-Hit-Parade.
Captain Beefheart
Und dann gab es 1969 natürlich noch Captain Beefhaert und seine Scheibe ” Trout Mask Replica” (Foto oben), produziert von Schulfreund Frank Zappa. Bei dem Versuch, dieser Musik eine zeitgemäß-verständliche Signatur zu vergeben, würde jede Schublade bersten, jeder Einordnungsversuch in Hoffnungslosigkeit verdämmern. Thomas Mießgang schrieb vor einigen Jahren in der “Zeit”, diese Musik sei ” ein organischer Klang-Wildwuchs, ein in sich geschlossenes Paralleluniversum, das sich zum Rest der Pop-Musik verhält wie “Finnegans Wake” zum Reader’s Digest.”
Don Van Vliet (bürg. Name) zelebrierte röchelnd, gurgelnd eine wilde Flucht vor kommerziellen Ansprüchen, vor geordneter Verkäuflichkeit und mischt Delta-Blues, Free-Jazz, Rock’n Roll und elektroakustische Elemente zu einem unvergleichlichen Avantgarde-Gewühle. Ein dadaistischer Lyrik-Terror vereint sich dabei mit rhythmische Brüchen, die dem gefälligkeitsgewohnten Edel-Ohr den Schmalz bis zum Gehirn treibt.
Der Einfluss seiner Musik auf die Kulturen des Punk und New Wave sollte nicht unterschätzt werden. Pere Ubu mit ihren herausragenden Scheiben “Dub Housing”, “Modern Dance” und “New Picnic Time” würden z.B. diesen Hinweis sicher unterstützen
Meine musiktheoretischen Kenntnisse verharren auf dem Stadium eines Faustkeilträgers. Doch meine fanatische Liebe zur Musik, meine uneingeschränkte Zuneigung zu zeitgenössischer Kunst und eine Toleranz ohne vereiste Vorurteile ermöglichen mir eine grenzenlose Aufnahmebereitschaft, welche für diese Scheibe vorausgesetzt werden sollte.
Die 28 Songs zu “Trout Mask Replica” soll der “Captain” in zehn Tagen geschrieben haben. Seit 1986 vernachlässigte er die Musik und malt, soll einträglicher sein.
Und ich werde jetzt eine CD einlegen. Sie beginnt mit “Trout….”
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